SF als Hörspielgenre

Eine eigenartige Diskrepanz teilt seit einigen Jahren/Jahrzehnten die SF. Als Filmgenre ist sie ungebrochen an der Spitze der Kinocharts zu finden, wann immer sie auftaucht. Selbst wenn ich Filme weglasse, die SF-Elemente nur der Schauwerte wegen nutzen (Actionreißer wie Transformers), geht die Gleichung nur dann nicht auf, wenn handwerklich wirklich grottig gearbeitet wird, oder der Film gar nicht erst in die Kinos kommt. Beispiele der letzten zehn Jahre?

  • Die Insel
  • Inception
  • V wie Vendetta
  • Star Trek (11)
  • Avatar
  • Krieg der Welten
  • District 9

Im Buchsektor dagegen ging es seit Mitte der 80er Jahre kontinuierlich bergab. Auch das Aufkommen des Cyberspace hat daran nichts geändert. Ähnlich ist es auch mit dem Hörspiel — in den 50er und 60er Jahren war das SF-Genre im Hörspielsektor proportional reich vertreten, inzwischen ist es im ö/r-Radio selten zu hören, und die kommerziellen SF-Serien kann man an einer Hand abzählen und hat dann noch was übrig.

Woran, meint Ihr, liegt das?

Die inneren Monologe

Mark Brandis Hörspiele haben keinen Erzähler. Das mag überraschen; sind doch der „epische Teil“ der Bücher, die Ansichten und Positionsbeschreibungen der Ich-Erzähler-Hauptfigur, eines der Stilmittel des Autors gewesen, das in Verbindung mit dem eher karg und präzise gehaltenen Stil seine Leser stets besonders an der Serie gereizt hatte. Anderswo habe ich bereits darüber berichtet, was uns vom Erzähler ferngehalten hatte; zum Teil haben wir den daraus entstehenden Mangel versucht, mit der „Gedankenkamera in Brandis‘ Kopf“ aufzufangen. Diese Innenschau taucht beispielhaft in drei verschiedenen Grundsituationen auf:

  1. Der Fluß der Gedanken: Mark Brandis beobachtet die Welt um ihn herum und vermischt das, was auf ihn einwirkt, mit dem, was er denkt. Beispiel (aus „Testakte Kolibri“): gerade hat er einen neuen, aber unfallanfälligen Einmannjäger zum ersten Mal getestet und ist begeistert. Während er auf dem Weg zum Mond ist, denkt er über das gerade Erlebte nach.
  2. Der Rückzug aus der Realität, der gleichzeitig verstreichende Zeit betont. Mark Brandis geht ganz aus der Gegenwart und gibt seinen Gedanken Raum. Hier (in „Raumsonde Epsilon“) philosophiert er über die etwas unbeholfene, aber auf ihre Art anziehende Ludmilla Wolska, die als einzige Frau auf der langen Raumfahrt vielleicht etwas mehr als Beschützerinstinkte bei Mark Brandis geweckt hat.
  3. Die Zeitlupe. Mark Brandis erlebt sekundenkurze Vorgänge zerdehnt, wie in „slow motion“. Hier (in „Unternehmen Delphin“) steht er vor einem Erschießungskommando und stellt sich den letzten Wahrheiten.

Es stimmt: zu einem gewissen Grad „bremsen“ diese Monologe die Handlung. Aber selbst wenn man außer Acht läßt, dass ein Hörspiel, das nicht ab und zu mal von spannungsgeladen zu ruhig wechselt, schnell durch das permanente „auf die 12“ effekthascherisch wirkt — die Monologe sind unser Mittel, dichter bei Mark Brandis zu sein, als bei jedem anderen Charakter, und für die Zeit eines Abenteuers so zu werden wie er.

NvMs Leitfaden für Hörspiele

Nikolai von Michalewsky:
Anmerkungen eines Autors beim Durchblättern seiner Manuskripte
Sonderdruck aus Schulfunk Köln / Wege und Ziele

Der Autor der MARK BRANDIS-Bücher hatte in den 90ern einen Essay über das Schreiben von Hörfunkbeiträgen (der auch auf Hörspiele angewandt werden kann) verfasst, der auf der Website des Autors vonmichalewsky.de als PDF heruntergeladen werden kann.

Interessant ist er insbesondere für alle, die mehr über die Herausforderungen des Schreibens für das Radio wissen wollen, und natürlich für die, die neugierig sind, wie der Autor wohl selbst an das Thema „Mark Brandis – Hörspiele“ herangegangen wäre …

Ohrkanus 2011

Ohrkanus 2011 - Signet - Bestes Soundkonzept

Ohrkanus 2011 - Signet - Bestes Soundkonzept

Am Freitag, den 6. Mai hat die Jury (die aus Kritikern, Produzenten und Publikum zusammengesetzt ist) der Hörspielserie MARK BRANDIS zum zweiten Mal in Folge den »Ohrkanus« für das beste Soundkonzept verliehen.

Begleitet von einem Ausschnitt aus der Folge „Raumsonde Epsilon“ kam Brandis-Produzent Jochim C. Redeker auf die Bühne. Trotzdem fehlten dem Sound-Experten zunächst einmal die Worte. „Das ist schon ein besonderer Moment, und wenn man dann hier steht, ist das Gehirn erst einmal leer“, räumte Redeker ein. Schließlich dankte er dem Label „Folgenreich“, „ohne das wir zwar Hörspiele produzieren würden, diese aber wohl niemand hören würde“.

Unter die letzten Drei war die Serie auch in den Kategorien »Bester Sprecher: Michael Lott«, »Beste Serie« und »Beste Regie« gekommen, war aber gegen die Konkurrenz ohne Aussichten. Mehr zur Preisverleihung im Bericht des Hörspielblogs.

Danke an alle, die die Serie mit ihrer Stimme unterstützt haben!