Stundenschlag VIER

Die Astronauten von Apollo 17 schenkten der Menschheit ein ganz besonderes Foto. Eines, das Dinge in Bewegung brachte und eine Entwicklung in Gang setzte, die noch lange nicht zu Ende gekommen ist. Ein Foto, das dem Betrachter so wirkmächtig entgegentritt, dass es zu einer Veränderung seiner Weltsicht, seiner Vorstellung von der Welt und von sich selbst kommen kann: Ein bisher in seiner Vorstellung subjektiv existierender Ort, nämlich die Erde als Planetenkörper im Sonnensystem, springt plötzlich mit all seiner ganzen manifesten Realität ins Bewusstsein des Betrachters: Das Foto der vollen Erde vom 7.12.1972 vermag eine Fremderfahrung derart intensiv gegenwärtig zu setzen, dass sie einer eigenen Erfahrung gleichkommt. Denn der Erkenntnisgewinn, den es induziert, führt beim Betrachter wie schon bei den Astronauten, zu einer vergleichbaren Erweiterung eigener Vorstellungswelten, quasi zu einem Aufsprengen bisheriger Wahrnehmungsmuster und festgefahrener Perspektiven.

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Stundenschlag DREI

US-Präsident John F. Kennedy hat Anfang der sechziger Jahre die Ressorts, die für Raumfahrt zuständig waren, auf Vollgas geschaltet. Und die Raketenbauer ließen sich das nicht zweimal sagen. Eine Eroberung ohne Beispiel nahm damals ihren Anfang. Man will es eigentlich nicht glauben, dass das alles (nur) dem nationalen Ansehen, dem technischen Fortschritt, der Wissenschaft, einem gewissen Eroberungswillen, kurz: dem alten Prinzip Citius-Altius-Fortius, geschuldet sein soll. Fast verzweifelt möchte man fragen, ob hier nicht im Sinne von Nikolai von Michalewsky eine Weiterentwicklung der Menschheitsfamilie, eine Zunahme an Geschwisterlichkeit inbegriffen gewesen sein könnte. Vielleicht ein ganz klein wenig? Stöbert man in der jüngeren Geschichte, fällt in dieser Richtung nicht viel auf. Leider. Allenfalls einige Strömungen der Umweltbewegung und natürlich die New Age-Bewegung.

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Ist Mark Brandis wirklich SF?

Die Serie Mark Brandis war eine Auftragsarbeit — vergeben vom Lektor des Herder-Verlags an einen erfahrenen und zuverlässigen Autor, der aus seiner Perspektive der Aufgabe gewachsen sein würde, Weltraumgeschichten für Jugendliche zu schreiben, die dem Ansehen des renommierten katholischen Verlagshauses keine Schande machen würde. Und das, obwohl Nikolai von Michalewsky mit Zukunftsgeschichten keine Erfahrung und auch nichts am Hut hatte.

Er war Profi (und hatte eine Familie zu ernähren), deswegen machte er sich auch als Profi an die Arbeit. Den klassischen Ratschlag an Generationen junger Autoren, „schreib über das, was du kennst“, nahm er sich zu Herzen und schrieb über das, was er kannte: die Seefahrt. Um sie in den Weltraum zu verlegen, änderte er nicht viel; und den Ehrgeiz, zukünftige Technik vorherzusagen, besaß er nicht. Das erklärte einerseits die unbestrittene Schwäche der Mark-Brandis-Romane: die Technik. Ihre Beschreibung wirkte mehr gegenwärtig als zukünftig, klar unterworfen dem Diktat der Geschichten, die sich immer schon um Anderes drehten. Und das ist andererseits genau der Grund, weswegen sie ihren Reiz nicht verloren haben: es geht nicht um „die Gesellschaft der Zukunft“, nicht um „außerirdische Gesellschaftskonzepte“. Es geht um die Fragen, die das Menschsein begleiten. Was macht es aus, Mensch zu sein? Wie wichtig ist der sprichwörtliche morgendliche Blick in den Spiegel?

„Woran du glaubst, dafür sollst du leben und sterben“, das ist keine SF. Dieser Leitsatz könnte genauso gut eine Geschichte von Dumas dem Älteren begleiten, oder die Master & Commander-Geschichten von Patrick O’Brian.

Spielt es also keine Rolle, ob Mark Brandis SF ist?

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Stundenschlag ZWEI

„Aus einem fremden, feindlichen Himmel kehrst du heim in die Welt der Menschen.“ So beginnt die 31-bändige Reihe ‚Weltraumpartisanen‘ von Nikolai von Michalewsky. Sieht man die Welt von oben aus dem Orbit, kann man keine Grenzlinien erkennen. Entsprechend müsste man doch annehmen, dass sich die menschlichen Wesen, die auf der Oberfläche dieser Welt umherkrabbeln, als Geschwister begreifen. Was auch sonst?

Tatsächlich ist die Menschheit weit davon entfernt, sich als Einheit zu begreifen. Wie fremd, wie angstbesetzt, wie gegensätzlich sich Menschen in Wirklichkeit begegnen, führt uns Nikolai von Michalewsky nicht nur anhand des erzählerischen Umfelds von Mark Brandis immer wieder vor Augen. Den Mangel an Geschwisterlichkeit, an Menschlichkeit, ja sagen wir ruhig die eklatante ‚Knappheit an Sein‘ bei vielen bedeutenden und unbedeutenden Individuen setzte er in seinen Hörspielen und beispielsweise auch in den unter den Pseudonymen Nick Norden und Victor Karelin erschienenen Romanen in fesselnde Handlung um. Er zeigte uns in seinen Werken aber auch die andere Seite: herausragende Persönlichkeiten, die mit kleinen, ja unscheinbaren Handlungen zum richtigen Zeitpunkt das Richtige taten und so Gegensätze überwanden und Frieden stifteten, und auf diese Weise der Menschlichkeit zur Geltung verhalfen.

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Stundenschlag EINS

Es scheint ganz unverändert: Grasberg im Teufelsmoor. Die Zeit hat einen Bogen gemacht um dieses verträumte Fleckchen Erde. Ja, es ist immer noch wunderschön dort nördlich von Worpswede. Und ja, alles scheint, wie es immer war. Und nein, mit dem Teufel hat das nichts zu tun. Der Moorboden der Niederung im Landkreis Osterholz zwischen Bremen und Bremervörde erwies sich für die Landwirtschaft zunächst als völlig ungeeignet. Man konnte ihn allenfalls als Heizmaterial verkaufen. Die Menschen, die seit mindestens vierhundert Jahren über die Hamme und den Wümme-Nebenfluss Wörpe dorthin vordrangen, sprachen vom doofen Moor oder vom tauben Moor, was zu dem heutigen Namen Teufelsmoor führte.

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Nach 25 Jahren …


„…ich bin der stundenschlag / ich bin ich werde bleiben…“

Fünfundzwanzig Seelenjahre sind verstrichen, seit Nikolai von Michalewsky am 27.12.2000 in Grasberg verstarb. „Im banne von gewalten“, so seine Worte, „kommt der tag / und keiner kann mich halten.“ Dann „verlasse ich mein haus – arm wie ich kam. doch eines darf nicht fehlen auf meinem weg zu Gottes thron: gib mir die liebe mit ins reich der seelen.“


Der Autor der Mark Brandis-Reihe ist uns den Weg vorausgegangen, den Weg alles Irdischen, dem keiner auszuweichen vermag, sei es angstvoll, sei es leidend, sei es vertrauensvoll… „denn immer heben Gottes hände ins gleiche licht auch dich empor“ – so spricht uns Nikolai von Michalewsky in einem seiner Gedichte Mut zu. Der Tod war für ihn „kein weg ins nichts, kein finstres tor“. Er sah einen leuchtenden Himmel am Ende seines Erdenlebens, Gottes ewiges Licht.

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