Über Alexei Nawalny im Internet zu schreiben, ist ein wenig wie die berühmte Eule nach Athen tragen — wenn man nicht schon als aktive Beobachter/in der russischen Politik zwischen 2015 und 2020 von ihm erfahren hatte, war es spätestens der 2023 mit einem Oscar preisgekrönte und inzwischen vollständig online veröffentlichte Dokumentarfilm über seine erste schwere Kampfstoff-Vergiftung, der weiteres Unwissen über seine Person und Mission sehr erschwerte.
2024 ist er, ein zweites Mal schwer vergiftet, in einem Arbeitslager in Sibirien gestorben. Und mehr noch als zu der Zeit, als der Film entstand, ist er seitdem eine Verkörperung des Leitsatzes der Mark-Brandis-Reihe „Woran du glaubst, dafür sollst du leben und sterben“.
Sieht man sich den Film mehr als zwei Jahre nach seinem Tod wieder an, tritt besonders Nawalnys Ruhe und Furchtlosigkeit hervor. Was mag ihn dazu getrieben haben, nach Russland zurückzukehren, obwohl er am eigenen Körper erfahren hatte, wie das System Putin Gegnern gegenüber agiert? Woher nahm er das Vertrauen, dass seine Furchtlosigkeit ein Beispiel sein würde für die Opposition in Russland?
„Aber es gibt Dinge, die man tun muss, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.“
Ist dieses Zitat aus Astrid Lindgrens Brüdern Löwenherz ein Schlüssel zu seiner Furchtlosigkeit, gewonnen vielleicht aus langem Ringen mit sich selbst? Seine ähnlich ruhig-bestimmt auftretende Frau Julia Nawalny mag ein Indiz dafür sein, dass diese Festigkeit von beiden gemeinsam errungen war. Sie erinnert an Zeugnisse aus dem Widerstand gegen Autokraten, von den Geschwistern Scholl, Stauffenberg, Moltke, Bonhoeffer, den Altenburger Schülern und an auf Gefängnismauern eingravierte letzte Worte von Totgeweihten. Nawalnys Tochter tritt im Film vergleichbar gefasst auf als weiterer Beleg dafür, dass das Beispiel ihrer Eltern, Gefahren furchtlos die Stirn zu bieten, weiter wirkte.
„Woran du glaubst …“ — der Satz gibt ja nicht vor, WAS es genau sein soll, dem man Leben und auch den eigenen Tod widmet. Von Michalewsky hatte sich (sehr weise) darauf konzentriert, auf diese Weise den selbstwirksamen Aspekt des Gedankens hervorzuheben. In den Echos meiner Gedanken nach erneuter Sichtung des Films wünsche ich mir, es gäbe mehr Menschen wie ihn, die einer guten Idee und ihren Prinzipien mehr Wert beimessen als dem eigenen Wohlergehen.
