„Woran du glaubst …“ — Biographien (1): Perelman

Nach allem, was ich höre, lebt er (wieder) in einem kleinen Apartment in St. Petersburg. Vor 20 Jahren hat er seinen Job gekündigt und die Mathematik als Profession hinter sich gelassen.

Heute ist sein 60. Geburtstag: Grigori Perelman.


Theoretische Mathematik ist wirklich nicht eins meiner Steckenpferde.

Ich habe verstanden, dass Mathematik wohl die universellste aller Sprachen ist. Ich habe verstanden, dass sich in ihr weitere Schlüssel zum Verständnis des Universums verbergen. Aber sie spricht nicht zu mir; wohl weil ich nie gelernt habe, die Semantik zu entschlüsseln.

Perelman veröffentlichte 2002 quasi nebenbei seine Lösung für eines der sieben mathematischen Millennium-Probleme, für die es zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung (2000) keine Lösung oder Beweise gab. Wissenschaftliche Gesellschaften haben für Lösungen dieser Probleme hohe Ehren und/oder Geldsummen ausgelobt. Perelmans Lösung der sog. Poincaré-Vermutung wurde durch mehrere Teams untersucht, die nach Jahren intensiver Prüfung übereinstimmend aussagten, Perelmans Lösungsweg sei korrekt. Als man ihm dafür das Äquivalent eines Mathematik-Nobelpreises anbot, lehnte er ab. Warum? Weil er die Grundlagenarbeit eines Kollegen, des britischen Mathematikers Hamilton, nicht gleichermaßen gewürdigt fand.

Obiges eingebettetes Zitat, das postuliert, dass der Lohn für eine Tat in der Tat selbst liege, stellt diesen Mathematiker in eine Reihe mit den großen Stoikern und (weil dies hier die Mark Brandis-Website ist) mit den fiktionalen Heldenfiguren Mark Brandis und John Harris. Es gehört viel innere Stärke und Überzeugung dazu, persönliche Anerkennung und Ehrenbekundungen abzulehnen, auch im Wissen darüber, dass viele Menschen es nicht verstehen werden. „Tue Gutes und rede darüber“ ist ja eine unwidersprochen anerkannte Maxime und wird ethisch-moralisch üblicherweise nicht in Frage gestellt.

Perelmans Rückzug ins Privatleben seit nunmehr zwei Jahrzehnten, sein Insistieren, persönliche Anerkennung geringer zu schätzen als die erbrachte Leistung, hat angeblich dazu geführt, dass in Petersburg T-Shirts gesichtet wurden, auf denen sein Porträt zu sehen ist neben dem Satz: „Nicht alles ist käuflich“.

In einer Zeit, in der die öffentlichen Reaktionen auf Ereignisse zwischen Resignation, Apathie und Zynismus oszillieren, ist das ein Hoffnungsschimmer.

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