Stundenschlag ZWEI

„Aus einem fremden, feindlichen Himmel kehrst du heim in die Welt der Menschen.“ So beginnt die 31-bändige Reihe ‚Weltraumpartisanen‘ von Nikolai von Michalewsky. Sieht man die Welt von oben aus dem Orbit, kann man keine Grenzlinien erkennen. Entsprechend müsste man doch annehmen, dass sich die menschlichen Wesen, die auf der Oberfläche dieser Welt umherkrabbeln, als Geschwister begreifen. Was auch sonst?

Tatsächlich ist die Menschheit weit davon entfernt, sich als Einheit zu begreifen. Wie fremd, wie angstbesetzt, wie gegensätzlich sich Menschen in Wirklichkeit begegnen, führt uns Nikolai von Michalewsky nicht nur anhand des erzählerischen Umfelds von Mark Brandis immer wieder vor Augen. Den Mangel an Geschwisterlichkeit, an Menschlichkeit, ja sagen wir ruhig die eklatante ‚Knappheit an Sein‘ bei vielen bedeutenden und unbedeutenden Individuen setzte er in seinen Hörspielen und beispielsweise auch in den unter den Pseudonymen Nick Norden und Victor Karelin erschienenen Romanen in fesselnde Handlung um. Er zeigte uns in seinen Werken aber auch die andere Seite: herausragende Persönlichkeiten, die mit kleinen, ja unscheinbaren Handlungen zum richtigen Zeitpunkt das Richtige taten und so Gegensätze überwanden und Frieden stifteten, und auf diese Weise der Menschlichkeit zur Geltung verhalfen.

Leider sieht es auf dem weiten Erdenrund anders aus, meist sucht man die vielbeschworenen ‚herausragenden Persönlichkeiten‘, denen man bedingungslos vertrauen kann, vergeblich. Stellen wir uns vor, jenseits der Jupiterbahn würde tatsächlich eine Sonde nichtmenschlichen Ursprungs entdeckt. Da aufgrund ihrer Flugbahn klar ersichtlich ist, dass sie aus der Nähe des Sterns Epsilon Bootes stammen muss, nennen wir sie Epsilon-Sonde. Nun, was würde passieren, wenn die Menschen dieser außerirdischen Raumsonde gewahr würden? Würden sich die Nationalstaaten zusammentun, um sie gemeinsam zu erforschen und gemeinsam von dem technologischen Vorsprung jener Zivilisation zu profitieren, die die Epsilon-Sonde auf die Reise geschickt hat? Oder würde es zum Konflikt kommen? Würde nicht ein skrupelloser Wettlauf um diese überlegene Technologie in Gang gesetzt, wäre das Hauen und Stechen nicht auch in unserer Realität schon vorprogrammiert?

Die Reihe „Stundenschlag“ will sich nicht in Kulturpessimismus verbeißen, sie versteht sich vielmehr als kritische Zeitgenossenschaft, die auf Entwicklungen blicken will, die im Gange waren, als Nikolai von Michalewsky für seine Mark Brandis-Reihe recherchierte, die aber auch für unsere Zeit heute immer noch von Bedeutung sind.

Fangen wir mit den globalen Institutionen an: Diese sollen eigentlich ein Zeichen sein für ein gleichberechtigtes Zusammenwirken der Menschen auf diesem Planeten. Sie sind von ihrer Grundidee her unerlässlich, wenn es darum geht, den Weltfrieden zu sichern, Rüstungskontrolle einzufordern, bei der Konfliktbeilegung zwischen Nationalstaaten zu assistieren und anderes mehr.
Leider droht globalen Institutionen stets ein ähnliches Schicksal, das des Scheiterns. Der Völkerbund aus dem Jahr 1920 galt nach fünfundzwanzig Jahren bereits als untauglich, obwohl damals schon etliche Intellektuelle – ich erwähne hier die bei Liebhabern phantastischer Literatur hoch geschätzten Autoren Kurd Laßwitz, Hans Dominik, H. G. Wells und Jules Verne – viel für eine Erweiterung des Denkens über die engen nationalen Vorstellungswelten hinaus geleistet haben. Und die United Nations heute?

In der UNO haben sich immerhin 193 Staaten auf der Grundlage des Prinzips souveräner Gleichheit zusammengeschlossen (Stand 2026). Aber die mächtigsten unter ihnen hatten sich Vetorechte zuschreiben lassen, die ihr Verhältnis zu supranationalen Zusammenschlüssen mit den Worten „die Regeln für euch, die Rechte für mich“ gut zusammenfassen lassen. Auch die Vereinten Nationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden, bleiben daher zahnlos, denn sie verfügen über keine eigenen Instrumente oder Machtmittel und ihre zahlreichen Organe und Sonderorganisationen sind nicht miteinander verknüpft, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass zielführende Handlungsvorgaben herauskommen könnten.

Neben den bürokratischen Hemmnissen der Großorganisation sind es vor allem die (Eigen-)Interessen der mächtigsten Nationen, die die Gestaltungsmacht der Vereinten Nationen beschränken und damit ihre eigene Souveränität über das große Ganze stellen. Sie wollen partout nicht zugeben, dass alle Bewohner dieses Planeten im gleichen Boot, pardon!, Raumschiff sitzen.

Vielleicht aber ist es gar nicht so trostlos. Blicken wir auf die sechziger Jahre: Nikolai von Michalewsky publizierte damals noch nicht bei dem Verlagshaus Herder in Freiburg im Breisgau, sondern bei Zsolnay, Heyne und Bertelsmann. Und doch ist es spätestens in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre gewesen, als die Idee zur Mark-Brandis-Reihe immer deutlichere Gestalt annahm. In jener Dekade waren die UNO noch jung und die bemannte Raumfahrt hatte kräftig Fahrt aufgenommen. Ohne Zweifel ist damals in den Köpfen der Menschen auf breiter Ebene etwas in Bewegung geraten… – damals als Ranger 7 im Jahre 1964 Bilder der Mondoberfläche übermittelte und zeitgleich zur Weltausstellung in New York der 350 Tonnen schwere Stahlglobus Unisphere errichtet wurde, bis hin zum Apollo-Sojus-Test-Projekt ein Jahrzehnt später, als sich Astronauten und Kosmonauten zum ersten orbitalen Handschlag in der Erdumlaufbahn trafen.

Dazu mehr im nächsten Stundenschlag mit der Nummer DREI nächste Woche.

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