Stundenschlag VIER

Die Astronauten von Apollo 17 schenkten der Menschheit ein ganz besonderes Foto. Eines, das Dinge in Bewegung brachte und eine Entwicklung in Gang setzte, die noch lange nicht zu Ende gekommen ist. Ein Foto, das dem Betrachter so wirkmächtig entgegentritt, dass es zu einer Veränderung seiner Weltsicht, seiner Vorstellung von der Welt und von sich selbst kommen kann: Ein bisher in seiner Vorstellung subjektiv existierender Ort, nämlich die Erde als Planetenkörper im Sonnensystem, springt plötzlich mit all seiner ganzen manifesten Realität ins Bewusstsein des Betrachters: Das Foto der vollen Erde vom 7.12.1972 vermag eine Fremderfahrung derart intensiv gegenwärtig zu setzen, dass sie einer eigenen Erfahrung gleichkommt. Denn der Erkenntnisgewinn, den es induziert, führt beim Betrachter wie schon bei den Astronauten, zu einer vergleichbaren Erweiterung eigener Vorstellungswelten, quasi zu einem Aufsprengen bisheriger Wahrnehmungsmuster und festgefahrener Perspektiven.

Das Mannschaftsfoto der Apollo 17-Mission. Drei echte Kerle, v.l.n.r.: Harrison Schmitt, Eugene Cernan, Ronald Evans. Apollo 17 (7.12. – 19.12.1972) war der elfte bemannte und letzte Flug zum Mond. Insgesamt gab es sechs Mondlandungen im Rahmen des Apollo-Programms. (Pad A, Launch Complex 39, Kennedy Space Center (KSC), Florida, NASA 10.10.1972, public domain, https://images.nasa.gov/details/S72-50438).

Die auf dem Foto weiter unten abgebildete volle Erde wird seit Apollo 17 Blue Marble genannt, die Blaue Murmel. Eine schwebende Kugel im All, die unsere Heimat ist. So verletzlich sieht sie aus, so vertraut, so einladend…

Ein fiktionaler Astronaut auf geostationärer Bahn – er kam mir plötzlich in den Sinn, als ich zur Mark-Brandis-Lektüre Musik von Vangelis hörte – betreibt in seiner Freizeit einen Radiosender und schlüpft in die Rolle des Radiomoderators. Er formuliert das Blue-Marble-Gefühl mit folgenden Worten: „Während ich hier oben war, habe ich viele wundervolle Dinge gesehen. Die Erde zeigte sich mir in all ihrer Schönheit und Verletzlichkeit. Dabei wurde mir klar: Die Erde ist zwar nur ein kleiner Himmelskörper, doch hält sie alles für den Menschen Lebensnotwendige bereit. Gleichzeitig schützt sie uns vor Strahlung, die wir nicht aushalten könnten. Genau besehen ist sie ein perfektes Raumschiff, mit dem zehn Milliarden Passagiere durch das lebensfeindliche Weltall rasen. Als ich einmal nach den in allen Landkarten zwischen den Ländern so deutlich sichtbaren Grenzen suchte, fiel mir auf, dass es ganz unmöglich ist, sie auszumachen. Sie existieren nicht. Einzig unserer Vorstellung helfen sie, die unsere Verantwortlichkeit zu begrenzen sucht. Dabei sollten wir uns unserer Verantwortung für die anderen Mitreisenden immer bewusst sein.“

Die Erde wird gelegentlich mit einem perfekten Raumschiff verglichen, auf dem die Menschheit durch das All reist. Der Astronaut James Lovell sagte einmal: „Was wir auf der Erde haben, erkennen wir erst dann, wenn wir sie verlassen.“ Der Fotograf dieser berühmten Fotografie ist leider unklar. Sicher ist nur, es war einer der Astronauten der Apollo 17-Crew: wohl Harrison Schmitt oder Ron Evans. (Foto: NASA 7.12.1972, public domain, https://images.nasa.gov/details/as17-148-22727).

Die verschiedenen Gruppierungen, die in der westlichen Hemisphäre in den siebziger Jahren damit anfingen, sich mit Umweltfragen zu befassen, sahen in dem Foto vom Blauen Planeten Erde ihr gemeinsames Symbol. Die Blue Marble wurde zum internationalen Erkennungszeichen für Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Schöpfungsverantwortung. Eugene Cernan, der Kommandant von Apollo 17, kommentierte das Foto so: „Wir brachen auf, um den Mond zu erkunden, aber tatsächlich entdeckten wir die Erde.“ Astronaut Cernan ist auch ein Beispiel dafür, dass alles seine Zeit braucht. Denn zu dieser Faszination für die Heimatwelt hätte er schon früher gelangen können, nämlich als er mit Apollo 10 zum Mond geflogen war. Freilich ist es gut möglich, dass er damals keinen guten Blick auf die Erde hatte, die durch die Flugbahn bedingten Sichtverhältnisse ihm eben keinen Überblick gewährten. Und diese Annahme drängt sich tatsächlich auf. Es ist sogar zu vermuten, dass es genau darauf ankommt: Auf den Overview. Manch einer mag sich an die Publikation erinnern, die 1987 auf den Markt kam, „The Overview Effect – Space Exploration and Human Evolution“ von Frank White. Der Scherz-Verlag konnte für die deutsche Ausgabe Ulf Merbold für ein Vorwort gewinnen und bewarb das Buch mit der Headline: „Wie die Erfahrung des Weltraums das menschliche Wahrnehmen, Denken und Handeln verändert.“

Diese wohl erste interdisziplinäre Auswertung der bemannten Raumfahrt war mit folgendem Klappentext versehen: „Overview-Effekt nennen die Wissenschaftler jenen schockartigen Vorgang, den alle Astronauten und Kosmonauten im Weltall erleben, wenn sie unsere Erde gleichsam aus der Mondperspektive sehen: Sie erfahren den blauen Planeten als Ganzheit. Der Erfahrungsschatz der Raumfahrer beschäftigt heute Natur- und Geisteswissenschaftler verschiedener Disziplinen. Sie ziehen Schlüsse, die in naher Zukunft entscheidend sein können: für eine grundlegende Neuorientierung der Ziele des Menschen auf der Erde und im All. Frank White vom Institut für Weltraumstudien in Princeton zieht mit diesem aufsehenerregenden Buch die erste Bilanz der Forschungen. Der Leser wird nicht nur Zeuge des Entstehens einer neuen Wissenschaft von Erde und All, er erlebt zugleich durch die Augen der Raumfahrer, was der Overview-Effekt in uns Menschen auszulösen vermag.“

Dazu folgen einige persönliche Zeugnisse von Astronauten im nächsten Stundenschlag.

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