Würde es wohl einen Unterschied machen, wenn der nächste G7-Gipfel nicht mehr auf der Erde, sondern im Orbit oder auf dem Mond stattfände? Hätte der Overview-Effekt einen entscheidenden Einfluss auf solche Gespräche, würde der Blick wirklich geweitet, würden die Dimensionen unseres Handelns auf dem Planeten Erde tatsächlich klarer realisiert?
Peter Dubina: Entscheidung im Weltraum, Stuttgart 1975, S. 117
Vom Weltraum aus gesehen erscheint unsere Heimatwelt dem Betrachter „leuchtendblau wie ein Saphir und mit weißen Wolkenfeldern übersät, vor dem Hintergrund von Myriaden glitzernder Sterne“. .
Wenn schon der Overview-Effekt, den Astronauten bereits erleben, wenn sie nur im Orbit bei ihren schnellen Umkreisungen auf die Erdoberfläche blicken, aus eben diesen Astronauten schwärmerische Dichter machen kann (vgl. Stundenschlag FÜNF), also ehemalige Militärpiloten, Materialwissenschaftler und im Grunde doch eher nüchtern eingestellte Zeitgenossen in Menschen verwandelt, die sich plötzlich in einen Planeten in seiner Gesamtheit verlieben, dann hätte sich doch inzwischen – nicht nur für die Astronauten – etwas… ja, wie könnte man es anders sagen, verändern müssen.
Allein die Pendelfähre Space Shuttle nutzten für ihren Flug ins All Australier, Belgier, Deutsche, Engländer, Franzosen, Holländer, Inder, Italiener, Japaner, Kanadier, Kirgisen, Mexikaner, Russen, Ukrainer und sogar Araber und Schweizer. Es existieren verschiedene Zählungen, aber es waren sicherlich Hunderte, die mit ihrer speziellen Overview-Erfahrung zurückkehrten und als Multiplikatoren davon berichteten. Es entstanden daraus Berichte, die wohl jeden Kultur- und Gesellschaftszusammenhang auf diesem Planeten erreichten. Das Bild von der verletzlichen Blue Marble ist gewisslich von den Zeiten des Apollo-Programms bis herauf in unsere Tage in alle Köpfe irgendwie eingesickert. Und ich bin mir sicher: Niemand zweifelt heute daran, dass die Wolken über den ganzen Globus ziehen, die Welt rund ist, die Ökosphäre nicht in Kolonialgebiete eingeteilt werden kann. Warum werden uns dann Grenzen immer wichtiger? Darf man so fragen? Ich denke, man darf. Aus dem Orbit sieht man keine menschgemachten Grenzen. Wir aber am Erdboden ziehen immer mehr Zäune hoch, wollen offenbar nicht wahrhaben, dass wir mit oder ohne Zaun allesamt im gleichen Boot sitzen.
Das mit der Menschheit ist schon seltsam. Die herrschende Spezies auf diesem Planeten weiß eigentlich, was richtig ist, schafft es aber nicht, folgerichtig zu handeln. „Wie die Erfahrung des Weltraums das menschliche Wahrnehmen, Denken und Handeln verändert…“, also erweitert, weltoffener, humaner, aufgeklärter, freiheitlicher, respektvoller, toleranter und vielleicht sogar solidarischer macht – Pfeifendeckel! Es ist seit dem Beginn der Erfahrungen mit dem Phänomen „Overview“ nicht besser, sondern viel schlimmer geworden.
Was ist passiert? Wo sind wir falsch abgebogen?

Stellen wir den Fokus etwas weiter, und versuchen wir in den nächsten Stundenschlägen etwas Ordnung in diese Fragestellung zu bringen.
