Es scheint ganz unverändert: Grasberg im Teufelsmoor. Die Zeit hat einen Bogen gemacht um dieses verträumte Fleckchen Erde. Ja, es ist immer noch wunderschön dort nördlich von Worpswede. Und ja, alles scheint, wie es immer war. Und nein, mit dem Teufel hat das nichts zu tun. Der Moorboden der Niederung im Landkreis Osterholz zwischen Bremen und Bremervörde erwies sich für die Landwirtschaft zunächst als völlig ungeeignet. Man konnte ihn allenfalls als Heizmaterial verkaufen. Die Menschen, die seit mindestens vierhundert Jahren über die Hamme und den Wümme-Nebenfluss Wörpe dorthin vordrangen, sprachen vom doofen Moor oder vom tauben Moor, was zu dem heutigen Namen Teufelsmoor führte.
Dass sich Nikolai von Michalewsky von dem inzwischen so genannten suburbanen Siedlungsbereich der Hansestadt angezogen fühlte, versteht sofort, wer diese Gegend einmal besucht hat. Ich selbst kam als Student dorthin, als ich mich im Philosophiestudium mit den Dadaisten auseinanderzusetzen hatte. In Worpswede diskutierten wir uns ein Wochenende lang in einem kunsttheoretischen Blockseminar die Köpfe heiß. Ich gebe zu, dass ich den Diskussionen nicht mit der gebührenden Aufmerksamkeit folgte. Denn ich hatte beschlossen, ihn anzurufen und um ein Treffen zu bitten. Ihn, also Nikolai von Michalewsky, den von mir so bewunderten Schöpfer einer Reihe, die – so mein stetes Ceterum censeo – erstens verfilmt und zweitens zu einer Serie ausgebaut werden sollte. Ob er mich wohl empfangen würde? Er empfing mich, er bewirtete mich, er zeigte gewisslich mehr Geduld mit mir als ich verdient hatte, als ich so mir nichts, dir nichts in seinen Tag platzte. Der Rest ist bekannt.
Jedenfalls hat es mich vor wenigen Wochen wieder dorthin gezogen. Ins Teufelsmoor. Nach Jahrzehnten. Es war eine merkwürdige Fahrt über Worphausen und Grasberg zu dem verschlafenen Winkel des Tarmstedtermoor und zurück nach Worpswede. Nichts hatte sich verändert. Alles war noch genau so, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich brauche wahrscheinlich nicht zu erklären, wie es mir auf dieser Runde erging, meinte ich doch, ich sähe ihn plötzlich am Straßenrand spazierend, auf der Birkenallee Fahrrad fahrend oder sitzend auf der Sonnenbank vor der reetgedeckten Kate. Er nickte mir auch mehrmals freundlich zu mit strahlenden Augen wie einst meine Großtante an der Schwelle ins ‚Reich der Seelen…‘.

Wie in Trance durchquerte ich die Landschaft, vorbei an den Gehöften, die wie Duplikate des Refugiums aussahen, in dem Nikolai von Michalewsky gelebt und gearbeitet hatte, wenn er nicht gerade zur See fuhr. Ein tiefes, mich im Mark erschütterndes Gefühl durchfuhr mich, als ich seine Stimme zu hören glaubte, die einen Namen nannte. Es war kein Rufen, es war nicht laut. Mehr ein stilles Erkennen. Die Begegnung mit diesen Orten, die, Offenstellen nicht unähnlich, Übergänge in eine – vielleicht – andere Welt möglich und mühelos erscheinen lassen, hallte lange in mir nach, tut es noch heute, Wochen später.
Die Versuchung ist immer noch groß, in diesem wohligen Gefühl der Verbundenheit zu verharren, das Bordbuch der Delta VII zur Hand zu nehmen und wieder eine Umdrehung in „seinem“ Universum zu starten. Aber so einfach geht das nicht. Vielmehr bin ich überzeugt davon, dass Nikolai von Michalewsky zwar Romancier war, aber als solcher sicherlich im Feld der Moralistik beheimatet. Und mit seiner Geschichtsschreibung der Zukunft wollte er bei seiner Leserschaft moralisch-kritische Einsichten herbeiführen. Falls das zu viel gesagt sein sollte: er wollte diese Einsichten zumindest ermöglichen. Da ich also wie viele andere dieser seiner „Pädagogik“ unterworfen war, möchte ich hier klar sagen, die Zukunft ist zur Gegenwart geworden, sie ist uns schneller nähergekommen, als wir gedacht hätten, sie verlangt danach, in kritischer Zeitgenossenschaft wahrgenommen und gefasst zu werden. Wenn auch das Teufelsmoor noch heute so erscheint, wie es zu Nikolai von Michalewskys Lebzeiten war, die Welt ist eine andere geworden; der glühende Finger schrieb sein Menetekel bereits in Feuerworten an die Wand.
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Die Gedanken werden fortgesetzt am 30.8. um 14 Uhr.
