Stundenschlag DREI

US-Präsident John F. Kennedy hat Anfang der sechziger Jahre die Ressorts, die für Raumfahrt zuständig waren, auf Vollgas geschaltet. Und die Raketenbauer ließen sich das nicht zweimal sagen. Eine Eroberung ohne Beispiel nahm damals ihren Anfang. Man will es eigentlich nicht glauben, dass das alles (nur) dem nationalen Ansehen, dem technischen Fortschritt, der Wissenschaft, einem gewissen Eroberungswillen, kurz: dem alten Prinzip Citius-Altius-Fortius, geschuldet sein soll. Fast verzweifelt möchte man fragen, ob hier nicht im Sinne von Nikolai von Michalewsky eine Weiterentwicklung der Menschheitsfamilie, eine Zunahme an Geschwisterlichkeit inbegriffen gewesen sein könnte. Vielleicht ein ganz klein wenig? Stöbert man in der jüngeren Geschichte, fällt in dieser Richtung nicht viel auf. Leider. Allenfalls einige Strömungen der Umweltbewegung und natürlich die New Age-Bewegung.

Wer erinnert sich eigentlich noch an die Blumenkinder? Das sind die Hippies mit ihren langen Haaren, Stirnbändern und Fransenlook aus Haight-Ashbury, jenem Viertel psychedelischer Rockmusik im San Francisco der 1960er Jahre. Das so genannte „Flower-Power-Movement“ entwickelte sich ungefähr gleichzeitig mit den ersten Konzepten zur Mark-Brandis-Reihe. Eine zufällige Koinzidenz? Immer noch aufgeführt wird das Musical ‚Hair‘ und der darin besungene Übergang vom Tierkreiszeichen Fische zum Wassermann: „Wenn der Mond im siebenten Hause steht und Jupiter auf Mars zugeht, herrscht Friede unter den Planeten, lenkt Liebe ihre Bahn… Harmonie und Recht und Klarheit, Sympathie und Licht und Wahrheit…“ – Große Versprechungen und noch größere Hoffnungen standen am Anfang dieser Bewegung, aber das ‚Age of Aquarius‘ stellte sich nicht ein, auch kein Sonnenzeitalter und erst recht kein Goldenes Zeitalter.

Alle Drogen, aller Okkultismus und die ganze Quälerei mit Bewusstseinserweiterung brachten nicht den gewünschten Effekt, aus dem Menschen wurde kein Übermensch. Es kam zu keiner ‚Wendezeit‘, auch wenn Physiker wie Fritjof Capra, Hand in Hand mit Promis aus Naturwissenschaft und Psychologie der Vorstellung anhingen, fernöstliche Mystik und moderne Physik miteinander verbinden und durch ‚Das Tao der Physik‘ unsere Welt in ein neues, menschenfreundliches Zeitalter transformieren zu können: Nicht nur Religion und Wissenschaft sollten im New Age zur Deckung gebracht werden, sondern auch Rationalität und Emotionalität, Ökonomie und Ökologie. An Reformen war man allerdings nicht interessiert, es ging um Transformation im Sinne eines Umsturzes.

Vieles, was in den sechziger und siebziger Jahren in den USA möglich und einholbar erschien, ist zwar noch über den Teich geschwappt, in den Ansätzen aber hier wie dort stecken geblieben. Aus dem New Age ist das versprochene Light Age ganz offensichtlich nicht hervorgegangen. Manch einer mag sagen: Kein Wunder, die Hippies waren ja gar nicht auf ein ‚Neues Denken‘ aus, wie sie uns glauben machen wollten, sondern betrieben im Grunde nur die Wiederbelebung einer Scheintoten, nämlich einer altbackenen, schon in der Antike bekannt gewordenen, gnostischen Vorstellungswelt.

Dennoch muss man allen War Objectors, Idealisten und selbst den New Agern konstatieren, dass sie aufmerksam waren für die Krisen der Moderne, den Rüstungswettlauf, die ökologische Problematik, die einseitig technokratischen Rationalisierungen und das damit einhergehende ‚Auseinanderfallen der Welt‘ in empirische Tatsachen, was nicht mehr dem Wesen oder Sinn eines Dings gerecht werden will, sondern nur noch nach Funktion und Kausalität fragt.

Und es ist gewiss kein Zufall, dass die New Ager mit ihrer (Gegen-)Kultur und die Bemühungen der NASA um die Eroberung des Weltalls parallel ablaufende Prozesse waren. Beide Bewegungen sind ohne Erweiterung eigener Vorstellungswelten, die das Ziel haben, die bisherige Enge und Begrenztheit hinter sich zu lassen, gar nicht denkbar. Die Ausbildung eines explizit ‚Kosmischen Bewusstseins‘ wurde zu einer zentralen Forderung der Transpersonalen Psychologie ebenso wie der Ökologiebewegung.

Freilich ist die genaue Rolle, die die Raumfahrt bei all dem gespielt haben könnte, derzeit – noch – schwer einzuschätzen. Dafür sind die Entwicklungen zu frisch und unabgeschlossen. Auf der einen Seite stehen weitere Mondlandungen bevor, vielleicht sogar der bemannte Flug zum Mars, auf der anderen Seite sind wesentliche Forderungen der New Age-Revolutionäre in die bestehenden Ordnungen integriert worden. Ob dadurch tatsächlich ein ‚Neues Denken‘ ins Entstehen gebracht wird, wage ich zu bezweifeln, wohl hat aber der angestrebte Paradigmenwechsel von einem kartesianischen Paradigma hin zu einem ganzheitlichen Weltbild offensichtlich an Fahrt gewonnen, woran Nikolai von Michalewsky vermutlich seine Freude gehabt haben dürfte.

„Captain Kirk“ William Shatner war vor vier Jahren zum ersten Mal tatsächlich im Weltraum. Ähnlich wie viele Astronauten berichtete er danach von einem umfassenden Perspektivewechsel:

Müssten wir alle Entscheider in den Weltraum fliegen, damit sich etwas tut?


Im nächsten Stundenschlag soll es dann genau darum gehen:

Wie die Erfahrung des Weltraums das menschliche Wahrnehmen, Denken und Handeln verändert…

Sonntag in einer Woche, gleiche Zeit.

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