Ist Mark Brandis wirklich SF?

Die Serie Mark Brandis war eine Auftragsarbeit — vergeben vom Lektor des Herder-Verlags an einen erfahrenen und zuverlässigen Autor, der aus seiner Perspektive der Aufgabe gewachsen sein würde, Weltraumgeschichten für Jugendliche zu schreiben, die dem Ansehen des renommierten katholischen Verlagshauses keine Schande machen würde. Und das, obwohl Nikolai von Michalewsky mit Zukunftsgeschichten keine Erfahrung und auch nichts am Hut hatte.

Er war Profi (und hatte eine Familie zu ernähren), deswegen machte er sich auch als Profi an die Arbeit. Den klassischen Ratschlag an Generationen junger Autoren, „schreib über das, was du kennst“, nahm er sich zu Herzen und schrieb über das, was er kannte: die Seefahrt. Um sie in den Weltraum zu verlegen, änderte er nicht viel; und den Ehrgeiz, zukünftige Technik vorherzusagen, besaß er nicht. Das erklärte einerseits die unbestrittene Schwäche der Mark-Brandis-Romane: die Technik. Ihre Beschreibung wirkte mehr gegenwärtig als zukünftig, klar unterworfen dem Diktat der Geschichten, die sich immer schon um Anderes drehten. Und das ist andererseits genau der Grund, weswegen sie ihren Reiz nicht verloren haben: es geht nicht um „die Gesellschaft der Zukunft“, nicht um „außerirdische Gesellschaftskonzepte“. Es geht um die Fragen, die das Menschsein begleiten. Was macht es aus, Mensch zu sein? Wie wichtig ist der sprichwörtliche morgendliche Blick in den Spiegel?

„Woran du glaubst, dafür sollst du leben und sterben“, das ist keine SF. Dieser Leitsatz könnte genauso gut eine Geschichte von Dumas dem Älteren begleiten, oder die Master & Commander-Geschichten von Patrick O’Brian.

Spielt es also keine Rolle, ob Mark Brandis SF ist?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Sicher ist das Zeitlose an den Büchern ihre konsequente Auseinandersetzung mit moralischen Themen, und die sind, aller Veränderung zum Trotz, genauso wenig der Mode unterworfen wie die offenen Fragen, die ihnen zugrunde liegen: warum bin ich hier? Was ist der Sinn meiner Existenz? Warum gibt es Existenz überhaupt? Aber die Faszination der SF, die sich in den großen Geschichten und Romanen des Genres finden lässt, ist ja auch das „Andere“, in dem wir Menschen unseren Spiegel sehen: das Fremdartige, Weitergedachte, das „was wäre, wenn?“, nicht das „was ist?“.

Von Michalewsky hat das Spiegeln und Weiterdenken gegenwärtiger Gedanken in die Zukunft nicht sehr avantgardistisch verfolgt. Sein Regime der Reinigenden Flamme war wenig weiterentwickelt im Vergleich zu seinen Vorbildern aus Hitlerdeutschland, der Sowjetunion und den totalitären Regimes Afrikas und Südamerikas der 70er Jahre. Alle Bausteine unverändert übernommen: die Faszination für Uniformen, das „Feind im Innern“ und der Feind außen, Kriegführen als Notwendigkeit und Denunziantentum als giftiger Gesellschaftskleber, das Appellieren an den Wunsch des Menschen, sich in einer Gruppe sicher zu fühlen, sogar die Schauprozesse an vermeintlichen und tatsächlichen Dissidenten fanden sich direkt wieder.

Natürlich ist Eskapismus, der auch eine Grundlage der Faszination von TV-SF wie „Raumschiff Enterprise“ und seinen Nachfolgern war, ein wichtiger Bestandteil. Die Leser konnten sich aus Schulalltag und Langeweile in die Gefahren und Aufregungen des Weltraums hochträumen. Die moralischen Konflikte des Titelhelden wurden dabei zusammen mit den Abenteuern mit-absorbiert, und sie gruben sich erst beim wiederholten Lesen in die Gehirnwindungen ihrer Leserschaft. Heute sind genau sie es, die uns gegenüber immer wieder als „präsent und prägend“ zitiert werden.

Aber SF ist — anders als es viele Schreiber heute noch verstehen — nicht einfach nur Eskapismus. Das Genre als solches schimmert und glänzt dann, wenn es etwas tut, was eben kein anderes Genre kann: mit der Wahrnehmung von vermeintlicher Realität so zu spielen, dass wir wirklich denken, „was wäre, wenn?“ und auch „bin ich auf das Andere wirklich vorbereitet, oder kann ich da noch mehr lernen?“. Ein Autor wie Theodore Sturgeon schrieb ebenso lieber über den Menschen als über Technik — aber seine Geschichten berühren stets diese Membran des „Anderen“, ohne je die Perspektive des Menschlichen zu verlieren.

Ich glaube, der Autor von Mark Brandis selbst hatte in Bezug auf diese Membran und das Genre SF keinen besonderen Ehrgeiz. Für ihn war SF, wie seine Frau in einem Interview mit Olaf Brill bestätigte, das Tableau, vor dem er Geschichten erzählen konnte, deren Kernfragen ihn berührten. Dass er vereinzelt sehr gekonnt die Tropen der SF für diese Zwecke nutzte, ändert aber nichts daran, dass seine Geschichten auf seine Art genauso wenig SF sind, wie es die Märchenfabeln von Star Wars sind — obwohl „sie im Weltraum spielen“. Wo Star Wars „Space Fantasy“ und damit „Märchen“ ist (mit Rittern, Orden, Prinzessinnen, Zauberkräften und (Licht)Schwertern), sind die Mark Brandis-Bücher eigentlich wirklich Seefahrerabenteuer mit gesellschaftlichem Hintergrund, mit Häfen, Hafenmeistern, Navigationsbesteck, Smutjes, sowie Stürmen und Untiefen — aber eben unter den Sternen.

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